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Wie ich lernte, den Porsche zu lieben ( von Patric...)

Schwank in vier Akten

Hauptdarsteller: Carsten (el presidente), Annette (sein Weib), ich

Nebendarsteller: Marc-Leon (Carstens Pimpf), Ben (mein Pimpf), Dragan (Gottschrauber)

Vorgabe: Um nicht vor Halb-Internet unsere Vermögensverhältnisse auszuplaudern, gilt folgende Regelung:

  • Ein Ha!-X ist ein positiver zu verstehender Betrag oder Menge
  • Ein Naja-X ist halt ein neutral zu verstehender Betrag oder Menge
  • Ein Würg-X ist dann also ein negativ zu verstehender Betrag oder Menge

Was jeder wissen muss: 

2003 habe ich meine Firma gegründet. 2005 wurde Carsten auf selbständiger Basis unser Vertriebler für das Großkundengeschäft. Aus reinem Business wurde schnell Freundschaft, dann kam auch noch Annette dazu…

Ein Porsche war bei mir nie im Fokus, Laufbahn wie folgt: Alfa, Fiat, 4xBMW, Saab, 2xJaguar XF, bis ich schließlich bei meinem Jaguar F-Type landete.

Akt 1: Die Annäherung

2008:

Ich buckel mir hier den Hintern ab, und dieser Nutzlosiker von Vertriebler kommt ständig mit nem anderen Porsche angefahren. OK, wenigstens sind es nicht die Aktuellen, sondern die geilen 70-er und 80-er Modelle, die echten Luftgekühlten also. Hab jetzt den Dritten gesehen und mir natürlich die nächste Fachlitanei aufdrücken lassen über irgendeine K-Jetronic, SSI’s, Gewinde-Fahrwerke und weiß der Geier was noch. Keine Ahnung was der für ein Kraut raucht, wenigstens ist er vorher Saab gefahren, lass mer’s also mal durchgehen.

2011:

Andauernd neue, aber alte Porsches, der spinnt und ich hab wohl schwerwiegende Fehler bei den Verhandlungen über seine Verkaufsprovisionen gemacht… 
Wenigstens ist jetzt Annette mit an Bord, die mag ich, die gibt ihm ordentlich Gegenfeuer…
Aber es kommt noch dicker: Einen eigenen Porsche-Club will er nun gründen: Den Porsche Club für den klassischen 911 Südwest! 

Nix für Weicheier, Notgeile und Selbstdarsteller, sagt er, sondern nur für echte Fans der luftgekühlten Porsches bis 97. Walter Röhrl soll hier neben dem Schreiner sitzen, der 20 Jahre auf die Erfüllung seines Traumes gespart hat, Workshops soll’s geben, Besichtigungen bei Lieferanten, gemeinsame Ausfahrten, etc, etc,…
Jaja, fasel nur weiter, Hauptsache du vergisst nicht, wo du die Brötchen für all deine Eskapaden verdienst…

2014:

Ok, das mit dem Club scheint wohl zu funktionieren, hab heute mal gegoogelt, das sieht echt ordentlich aus. Hot Wheels- der Ausflug für Väter und Söhne…oder Töchter, das ist ne coole Idee…
Stelle fest, dass ich unverständliches BlaBla auf der Homepage nachgoogele, ich weiß jetzt wenigsten mal grob, was der da nuschelt…

Coole Fotos, und leider sehen die ollen Kisten ja auch echt geil aus, man sollte das Thema mal im Augen behalten…

Akt 2: Das Anfixen

2015 (Februar):

Übernachtung bei Carsten, Gespräch kommt auf den Hot Wheels Ausflug:

Ich: Das ist ne coole Nummer, das würde dem Ben sicher auch Spaß machen…

Carsten: Ist aber keine Katzenausfahrt, das geht mit dem F-Type nicht, da musste schon nen Porsche haben…

Ich: Hab aber keinen, mäh…

Carsten: Dann geht’s nich…

Ich (plötzlicher Einfall): Sag er mal, Carsten, wie viele von den Saugdüsen nennt er denn mittlerweile sein Eigentum?

Carsten (voller Stolz): Na Ha!-X!

Ich: …und wie viele von denen gehen auf die Kappe von meinen Provisionen?

Carsten (wird misstrauisch): Äh, also, das sind so Naja-X, aber nur so ungefähr…

Ich: Und wie viele von denen kann so ein Porsche-Clubpräsident gleichzeitig fahren?

Carsten (höchstes Misstrauen): Na halt so einen…

Ich: …was ja im Umkehrschluss heißen würde, das da grob Naja-X von den Luftis völlig sinnlos rumstehen und davon könntest du ja einen….

(Gefühlt mehrstündiges angestrengtes Nachdenken vom Presidente)

Ich: Ja Carsten, du könntest mir ja einen von den nutzlos rumstehenden Möhren mal für 2 Tage…

Carsten (gibt auf): Äh, also du meinst, so quasi leihen?

Ich (fettestes Grinsen): Ich wusste, dass DU eine Lösung finden würdest! Ich find das so toll, dass DU auch noch selbst drauf gekommen bist, wie wir es machen…

Carsten: Arsch!

Ich: Ich lieb dich auch, reiß noch ne Pulle Roten auf…

(Dumpfer Schlag, Annette fällt mit Lachkrampf von der Couch)

2015 (August): Väter und Söhne Tour-Vorgeplänkel

Nach den üblichen Belehrungen von Anja (fahr bloß anständig, lass dich bloß nicht von diesen Idioten herausfordern, der Ben ist unser Sohn, wenn was passiert, dann trägst du allein die volle Verantwortung, kommt bloß heil wieder heim, ruft abends an, usw., usw.) endlich Touch Down bei Carsten. Marc-Leon und Ben verschwinden sofort ins Zimmer und werden bis zum nächsten Morgen nicht mehr gesichtet (Vermutung: Irgendwelche Ballerspiele am Computer unter beständiger Zuführung von Cola-Bier, wer zuerst einpennt, verliert…). Unter dem Vorwand, man müsse noch etwas abholen und einem diebischen Grinsen hockt sich el presidente auf den FAHRERSITZ von meinem F-Type und befiehlt mir, einzusteigen. Na gut, ich verstehe, ein bisschen Rache muss sein, so wie ich ihn das letzte Mal drauf gehoben habe…

Danach Pizza und erheblich viel Roten und dann beginnen die Belehrungen: Die sind gutmütig, aber niemals, niemals nicht in der Kurve vom Gas, dann fliegt er ab und du bist dran. Und das musste so machen, das musste wiederum anders machen, blablabla. Mann, ich komm gerade vom Jaguar-Race-Training auf dem Nürburgring und so ein oller Porsche ist auch nur ein Auto mit 4 exakt bis auf den Boden reichenden Rädern…

2015 (August): Väter und Söhne Tour-Geht los…

Mitten in der Nacht geht es ab nach Kempten. Ich krieg nen 87er Targa mit dem Kommentar: Der ist gutmütig, eigentlich sogar weichgespült, aber pass bloß in den Kurven auf, geh nicht vom Gas, dann bricht er aus und du bist dran…ich hab das Gefühl, das habe ich in den letzten 10 Stunden schon mehrfach gehört, aber egal…

Ankunft in Kempten: Carsten stellt mich den Anderen als den Katzenmenschen vor, der nur aufgrund seiner Gnade und Großzügigkeit die Chance erhält, diese illustre Ausfahrt zu begleiten…Arsch!

Wenigstens sind die Anderen echt nett, der F-Type kommt gut an, man hat also Gesprächsstoff. Wäre da nicht von jedem der natürlich wieder gut gemeinte Ratschlag: Denk dran, egal was passiert, geh in den Kurven nicht vom Gas, dann bricht er aus und du bist dran…Ich krieg noch die Flocken…

Bevor es los geht, kommt dann tatsächlich noch Marc-Leon bei mir vorbei um mir einen letzten entscheidenden Tipp zu geben: Denk bitte dran, die sind eigentlich gutmütig, aber…den Rest kann sich jeder denken…mir langt‘s jetzt, dieses 16-jährige Riesenbaby hat noch nicht mal einen Führerschein!

Los geht’s, ich lass es erst mal langsam angehen, die Kiste zeigt mir aber gleich, wo es langgeht: nix Pedale streicheln, hier muss volle Lotte getrampelt werden, damit sich was tut; nix Servo, aber das find ich erst mal nicht so schlimm…

Die ersten Pässe. Zum Glück hatte ich vor 2 Wochen einen Kumpel am Gardasee besucht und dabei die Dolomitenpässe komplett abgefahren, das zahlt sich jetzt bei den ganzen Kehren aus…

Ben grinst nur fett und ich bekomme langsam ein Gefühl für Drehzahl, Schalten und Bremsen. Also gehen wir die Sache etwas forscher an und darauf hat der Targa offensichtlich nur gewartet: scheint tatsächlich ein Sportwagen zu sein, er macht mit.

El Presidente klebt natürlich den ganzen Tag in meinem Heck und beäugt mein Treiben mit argwöhnisch kritischem Blick. Soll er doch und ja, ich bleibe in den Kurven auf dem Gas…

Am Ende des ersten Tages stellt sich dann tatsächlich dieses Popo-Gefühl ein, ich fühl mich mit der Kiste irgendwie verwachsen und ja, das macht Sau Laune. Und hups, da hab doch ein paar dieser erfahrenen Profis abgehängt, sorry Jungs…

Abendessen: Vom ungläubigen ‚Wie, du sitzt heute zum ersten Mal in einem Porsche‘ bis zum einfachen ‚Ehre und Stärke‘ reichen die Kommentare. War wohl nicht ganz so schlecht, selbst el Presidente sacht, das das fürs erste Mal schon ganz vorzeigbar war. Aber mit komischem Blick, ich glaub, der führt noch was im Schilde…

Nächster Morgen: Ich hab nen Vollkörpermuskelkater vom Autofahren und nochmal 10 Pässe vor mir, das kann ja was werden. El Presidente hüpft wie der junge Frühling ums Eck und dann kommt auch wie erwartet sein hinterhältiger Anschlag: Also, das lief ja gestern schon gar nicht so schlecht, und so, aber das wäre ja auch nur ein weichgespülter 87er gewesen. Zur Belohnung würden wir die Autos tauschen, er nimmt den Targa und ich krieg den 78er SC, seine Rennsemmel, da wäre dann alles noch direkter, aggressiver und man müsste richtig arbeiten, und so weiter und so fort. Das Ganze natürlich verbunden mit einem geheimen Tip: Man solle speziell bei diesem Exemplar beim Kurvenfahren auf dem Gas bleiben, weil wenn nicht…

Es ist mir scheiß egal, der Nächste, der das noch mal zu mir sagt, liegt Sekunden später in seinem eigenen Blut! 

Letzter Tipp vom Präsidenten: Wenn einem der Vorausfahrende zu langsam erscheint, hätte er eine spezielle Technik entwickelt, mit der man durch zwei kurz aufeinander folgende Lenkbewegungen bei gleichzeitigem Druck aufs Gaspedal an dem Auto vorbei käme, er nenne das Überholen…

Fassungslos starre ich mehrere Minuten auf den leeren Punkt, an dem er eben noch stand…

Ob ich den Tag überleben werde, ist völlig unklar, also ab in den SC…

1 Stunde später sind alle Sorgen verflogen, die Kiste ist der Knaller! Der Mensch-Maschine-Hybrid Patric/SC hetzt über Pässe und Kehren, ich weiß wie breit und lang ich bin, ich treffe intuitiv die Schalt- und Bremspunkte, ich will schneller, Ben will schneller, das Auto will schneller, ich nutze Carstens neue Technik ausgiebig. So einen Fahrspaß hatte ich noch nie, ich fange langsam an zu verstehen, was den Mythos dieses Autos ausmacht…mega Hammer!

Es ist viel zu schnell vorbei, weil wir noch einem Kollegen helfen, der plötzlichen Ölverlust hat, ist es zu spät, um noch nach Hause zu fahren, wir übernachten noch mal bei Carsten. Ich blubber am Stück wie ein Buch, was für ein Hammerfeeling das war, wie das abging, was das für eine Laune gemacht hat, usw. , usw. Als ich endlich fertig bin gucken mich die Zwei mit einem komischen Blick an…

Carsten: Ok, ich kenn das, die Krankheit die du hast, nennt man „Angefixt“…

Annette: …und es gibt nur ein einziges Heilmittel…

Ich: …ich brauch so eine Karre! Carsten, besorg mir eine, sofort!

Akt 3: Das lange Warten

2 Tage später ruft Carsten an: Er hätte meine Kiste bei seinem Schrauber Dragan gefunden:

81er SC Targa chiffonweiß mit dunkelbrauner Volllederausstattung, nur 110.000 Meilen drauf, kein Rost, trocken, super Lack, innen müsste halt einiges gemacht werden. Wäre in 4 Wochen fertig, danach gibt’s Preis…

Ich kann mein Glück kaum fassen, geile Farbkombi, auch noch ein Targa! Ist halt doch ein Guter, der Herr Präsident…so werde ich ihn wohl auch zukünftig ansprechen müssen, denn in den Club geh ich sowieso…Im sonnigen September hämmer ich also mit Ben in meinem eigenen SC in den Dolomiten rum, wie cool ist das denn!

Außerdem kann ich die Zeit gut nutzen: Ich muss mich in die Kiste einarbeiten, es soll ja ein Vater-Sohn-Projekt werden. Wir wollen möglichst viel selbst machen, da sollte man wissen, was man da tut…

5 Wochen später:

Alle Reparaturfibeln besorgt und durchgelesen, alle gängigen Foren von Seite 1 bis 300 durchgelesen, den Wälzer von Bosch zur K-Jetronic kann ich vollständig rezitieren, Porsche-Historie, Modelle und Stückzahlen fragt mich Anja per Zwangswecken mitten in der Nacht ab, ich bin bereit…

Also siegessicherer Anruf beim Presidente: Ob wir denn nächstes Wochenende vielleicht gemeinsam die Kiste abholen wollen? Äh nee, die würde ja immer noch in der Garage stehen, da wär noch nix passiert, der Dragan müsste jetzt erst mal noch ne Motorrevision an einer Kiste aus dem präsidialen Fuhrpark machen und dann noch eine, aber dann würde er sich ganz sicher an den Targa ranmachen!

Ich: Hör ma, Presidente, sach ma: Watt is? Motorrevision im präsidialen Fuhrpark? Dann muss der Schrauber eben Antrag auf Verlängerung des Tages auf 48 Stunden stellen, muss ich ja auch andauernd machen… der Typ hat derzeit nur einen Lebenszweck, nämlich mir meine Waffe zu bauen! Da kann doch alles nicht warstein…

Carsten: Hör mal Patric, ich glaube du verstehst das alles noch nicht richtig: wir reden hier nicht über Wald- und Wiesenschrauber, sondern über hochspezialisierte Experten, Ausnahmetalente, echte Künstler. Es gibt Leute, die haben über ein Jahr auf ein Auto von Dragan warten müssen…

Ich: Künstler? Ich hasse diese nutzlosen langhaarigen Bombenleger! Gib mir die Adresse von diesem Arbeitsverweigerer, ich fahr da jetzt hin, der kommt erst wieder aus seinem Kabuff raus, wenn er mit meiner Waffe fertig ist!

Carsten: Nöh…

Ich: Arsch! 

…und aufgelegt. Das lief jetzt irgendwie überhaupt nicht nach Plan…

2 weitere Wochen später:

Ich hab mich wieder abgeregt und beim Presidente entschuldigt. Aber nur vor der Hand: Das lass ich nicht auf mir sitzen, ich soll auf einen pferdschwanztragenden Pseudo-Künstler warten. Erst mal muss der lokalisiert werden. Also nach ‚Dragan‘ und ‚Porsche‘ gegoogelt, Treffer er hat sein Nest in einem Kaff namens Määhdorf…Google Maps auf, Adresse eingetippt und auf Satellit umgeschaltet: OK, sieht schon mal wie ne Werkstatt aus, ziemlich groß sogar. Dann parsen wir mal die Homepage des Herrn Künstlers: Auch nix Auffälliges, einfach ne mittelständische Homepage, alles gut…

Mist, kann das sein, das der echt zu viel zu tun hat, wie wir alle auch? Ich google in den Foren und ja, finde ihn, allesamt positive Kommentare, hmmm….

Mir langt es jetzt endgültig. Wir haben Termin bei Daimler und Konsorten, ich ruf den Schrauber jetzt an: Zeig das Auto her!

Dragan: Kannst kommen, aber nix sehen, das Auto steht in der Lackiererei. Da sind drei Farben drauf gewesen, das geht gar nicht…

Hmm, mir egal, ich fahr da jetzt hin. Der pferdeschwanztragende, arbeitsscheue Herr Künstler entpuppt sich in der Werkstatt mit 10-12 Traumwagen als ein fast schüchterner Jugoslawe mit schwäbischem Akzent. Ja, Wagen ist beim Lackierer, wir können aber hinfahren und gucken. Davor geht es aber erst mal an den zukünftigen Standort meiner Kiste in der Werkstatt. Unzählige Kisten und Neuteile liegen da sauber aufgereiht rum. Dragan faselt unverständliches Fachchinesisch, die meisten Sätze enden mit ‚das geht gar nicht, das mach ich neu‘ und hält mir dazu immer irgendwelche Teile vor die Nase. Ich versuche dazu mein bestes kritisch wissendendes Gesicht zu zeigen, nicke ab und zu verständnisvoll oder sage so sinnlose Sätze wie ‚da haste recht, das würd ich auch so machen…‘ Ab zum Lackierer um die Ecke, Riesenladen, einfach direkt in die Werkstatt, man kennt sich also…und da steht er dann endlich: Komplett angeschliffen, die wenige Roststellen voll abgeschliffen, keine Hauben drauf und schon komplett abgeklebt. Dragan hatte recht, es gibt definitiv nix zu sehen. Mist! Aber von wegen: 20 Minuten werde ich jetzt von Dragan wieder vollgelabbert: Da Steinschlag, das geht gar nicht, da rosten Sie gerne, das geht gar nicht, da und da und da… Zur Motorhaube, nein, das ist ja der Kofferraumdeckel, Entschuldigung, die wurde komplett abgeschliffen und jetzt im Tauchbad irgendwie elektrisch grundiert, das hält Jahrhunderte, bla, bla, bla…

Einzig die Fuchsfelgen kann man sehen. Ich popel mit dem Finger den ganzen Schleifstaub ab und sage, die sehen ja noch echt gut aus. Antwort: Die sehen überhaupt nicht mehr gut aus, das geht gar nicht, die werden noch neu eloxiert und auf Hochglanz gebracht…

Ok, dann halt ich ab sofort mal meinen Mund. Letzte Frage für heute: Wann man sich denn vielleicht mal etwas anschauen könnte, das quasi wie ein Auto aussehen würde? So in 2 Wochen. Gut dann bis dahin. Der Typ hat definitiv einen Blattschuss, der lebt für diese Karren…

Außerdem wird mir auch langsam mulmig: Komplette Neulackierung, diese Tonnen von Teilen, ich sehe das von Carsten angekündigte Schnäppchen gerade den Bach runtergehen, ich werde mir fürs nächste Mal einen Maximalpreis setzen müssen…

Akt 4: Der Deal

2 Wochen später: Ben in die Karre und runter zu Dragan: Jetzt steht die Kiste auf Böcken (stimmt, die Felgen sind ja beim Eloxieren) und hat immer noch keine Hauben, an zahllosen Stellen wird offensichtlich gleichzeitig gebastelt: Und schon wieder die nächste Kassette: Cockpit gebrochen, geht gar nicht, neu, dabei Frontscheibe ausgebaut, Steinschlag, geht gar nicht, neu, Bremsen gehen gar nicht, komplett neu, Stoßdämpfer durch, geht nicht, neu, Dichtungen porös, geht gar nicht, alle neu und hält mir ein 30 cm langes Gummistück ins Gesicht, davon bräuchte man allein 2 zu 600 Euronen das Stück…Der spinnt, der baut hier einen 35 Jahre alten Neuwagen und am Ende soll ich das bezahlen! Antwort: Ich müsst es ja nicht unbedingt bezahlen, 2 Bestandskunden hätten ja auch schon reges Interesse bekundet…so also läuft der Hase!

Na gut, das kann ich auch: OK, aber bei all dem Aufwand und dem großen Interesse an dem Auto hätte sich der verehrte Herr Werkstattbesitzer doch wohl sicher schon einen Preis für all seine Mühen ausgedacht, oder? Ben neben mir wird zur Salzsäule, angestrengtes Denken von Dragan, man kann eine Stecknadel fallen hören, es naht die finale Entscheidung, ich hoffe nur, dass das Weichklopfen durch den Präsidenten im Vorfeld wenigstens soweit Früchte tragen wird, dass wir nicht meilenweit über meinem Maximalpreis anfangen…

Dragan: Also bei all den Neuteilen, der Arbeit, dem was alles noch gemacht wird, will ich als Preis Ha-X…

Das gibt erst mal Ben den Rest, mit einem pfeifenden Einatmen bricht er zusammen, ich sach ja immer, beim Salzsäule imitieren das Atmen nicht vergessen…

Ich mach erst mal auf ausdruckloses Business-Gesicht bei gleichzeitiger Fixierung des Gegners und versuche, das soeben Gesagte zu verstehen: Selbst wenn er die Kiste für einen Euro in Amerika geschossen hat, ist der Preis gerade mal der Materialwert. Oder krieg ich den Motor nicht mit dazu? Scheiß drauf, der kostet so um die Neun, da wär ich ja immer noch um Längen unter den Würg-X-Preisen für diese zerfleddderten, verbauten Hollandske-911 auf Mobile.de…

Also steig ich über Ben drüber und strecke Dragan die Hand entgegen: Du hast ab jetzt zwei unglückliche Bestandskunden und einen glücklichen Neukunden, die Kiste gehört ab sofort mir.

Dragan schlägt wortlos ein. Das war‘s. Mir gehört ein 35 Jahre alter Neuwagen, G-Modell, 81er 911er SC Targa, wie geil ist das denn…

Ben kommt wieder hoch, verliert aber nicht die Fassung und macht ein relativ neutrales Gesicht, scheint wohl doch ein paar meiner guten Gene abbekommen zu haben. Wir machen dann eine Anzahlung von ebenfalls Ha-X aus und weil‘s ja gerade so schön ist, gibt’s halt noch ein paar Zusatzaufträge für den lieben Dragan, diesen Menschenfreund, die ja eh auf der Liste standen: die SSI-Wärmetauscher und den 70mm Endtopf aus Edelstahl, Tachoumbau, das kaputte Lehnenpolster und, ach komm ja, hinten gleich die Distanzscheiben drauf, kannste dann direkt bei TÜV und H-Zulassung eintragen lassen…

Raus aus der Werkstatt, Sonnenbrillen auf, 1 km zur nächsten Aral, Motor aus, Stille… 

Blicke immer noch gerade aus, langsames synchrones Abnehmen der Sonnenbrillen…

Ben’s Mundwinkel zuckt zuerst, wir beginnen fett und diebisch zu grinsen, gucken uns an, klatschen uns ab und fangen an zu lachen: wir sind Porsche-Besitzer. Ich würd am liebsten ne Druckbetankung mit Büchsbier von der Tanke an mir vornehmen, aber dieser verdammte Erziehungsauftrag hindert mich daran…

Call an den Präsidenten: Wir ham die Kiste gesackt für Ha-X, So! Presidente gratuliert artig, nur um dann in mehreren Hundert Nebensätzen zu erklären, dass er mit Ausnahme der körperlichen Folter natürlich jedes Mittel bei Dragan im Vorfeld angewandt hätte, um diesen Preis zu erzielen, blabla, blabla…mir derzeit völlig egal, auf wenn der Sieg geht, Hauptsache, ICH hab die Karre!

Akt 5: Der Rückschlag

Die Woche drauf wieder mit Ben runter zu Dragan wegen der Anzahlung: Da steht zum ersten Mal ein vollständiges Auto! Und was für eins: Sieht aus wie aus dem Katalog…

Und natürlich wieder die volle Kassette: das hab ich noch gefunden, geht gar nicht, neu, und das, und das…

SSI’s liegen auch schon für den Einbau bereit, Innenausbau kommt dann nächste Woche dran, in 14 Tagen dann Übergabe, perfekt! Anzahlung geleistet und Ihm noch das selbst restaurierte Indianapolis Lenkrad von Carsten zum Einbau in die Hand gedrückt. Aber selbst das geht nicht so einfach: Das hätte ja diesen hässlichen Volllederpralltopf, das geht gar nicht: Man solle doch lieber einen Hupenknopf mit Porsche-Emblem in die Lenkradnabe integrieren… Ich geb’s langsam auf, das ist Perfektionismus in Reinkultur, ja mach das Dragan, aber schmeiß mir den alten Pralltopf in die Kiste, dann hab ich den immer noch als Alternative…

Glücklich geht’s wieder nach Hause…

1 Woche später: Samstags Anruf gegen 18:00 Uhr von Dragan verpasst, auf der Mailbox bittet er wegen des Autos um Rückruf am Sonntag vormittag in der Werkstatt. Sonntag vormittag in der Werkstatt? Ich ahne Böses…

Sonntag: Ich ruf an und hör schon an der Stimme, es gibt ein Problem: Er hätte den Motor noch einstellen wollen und dabei wären Ihm dann 4 Stehbolzen auf einer Seite entgegengekommen! Scheiße, das heißt Motor raus und zumindest Teilzerlegung, soviel weiß selbst ich mittlerweile…

Und nu?

Dragan ist das echt peinlich, er habe den Wagen Probe gefahren aber nix gehört oder bemerkt. Aber wo er ja gerade eh daran war, hätte er jetzt halt den Motor KOMPLETT zerlegt, und würde ihn jetzt voll revidieren, das volle Programm also: Pleuel-, Kurbelwellenlager, Steuerketten, neue Kolben und Zylinder und so fort…

Hallo, Herr Perfektionist, und wer zahlt das Alles?

Tja, es gäbe halt 2 Möglichkeiten: Wir würden den Kaufvertrag rückgängig machen, ich bekäme die Anzahlung zurück, er würde das Auto auf seine Kosten fertig machen und es dann zum Würg-X-Preis als Neuwagen vertackern…

Das kommt überhaupt nicht in die Tüte, ich wollt mit der Kiste nächste Woche durch den Taunus gondeln…

…oder wir würden uns die Kosten der Motorrevision teilen…

…und genauso wird das auch gemacht, ich komm nächsten Freitag geschäftlich eh runter und das besprechen wir dann…

Nächster Freitag:

Komm bei Dragan rein und schau direkt in das Riesenloch am Hintern von meiner Karre, Dreck…

Dragan zerrt mich sofort von dieser Autoleiche weg und ab geht’s in die Katakomben seiner Werkstatt: In einem halbdunklen Lagerraum steht da der geheimnisvolle Herr Motorrevidierer vor 2 total ausgeräumten Gehäusehälften und feilt an denen rum…

Stolz zeigt der auf kistenweise Altmetall neben sich. Alter, das WAR mal das Innenleben meines Motors, das kriegst du in diesem Leben doch nicht wieder zusammen, ich dreh durch, das hab ich alles diesem Künstler von Dragan zu verdanken, der muss jetzt dran glauben…

Die Kurbelwelle meines Ex-Motors wie einen Baseballschläger wiegend drehe ich mich langsam zu dem Herrn Künstler um und denke: So, mein Freund, das wird jetzt lange dauern und sehr schmerzhaft werden …

Der ahnt, was kommt und lenkt mich erst mit einem Kopfnicken Richtung Füße des Motorrevidieres ab: Erst da bemerke ich die Fußfessel, die ihn an den Ort seines schändlichen Tuns kettet… der kommt hier erst wieder raus, wenn er alles wieder richtig zusammengebaut hat, das will Dragan mir wohl damit zu verstehen geben. Egal, hier gilt das Verursacherprinzip, der Fisch stinkt vom Kopp und der Fischkopp kriegt jetzt ein paar mit der Kurbelwelle…

Als ich mich wieder umdrehe, hat sich der Herr Werkstattbesitzer hinter einen Rollwagen voll mit Pappkartons geflüchtet und beginnt direkt mit einem Wortschwall: Das auf dem Rollwagen käme alles neu in den Motor rein, die neuen Zylinder, europäische natürlich, die kaum noch zu bekommenden Mahle-Performance-Kolben, die mit den zusätzlichen Ölbohrungen, die ganzen Lager, quasi also ein Rückbau auf den europäischen Motor, Planschleifen der Gehäusehälften inklusive, usw., usw., es hört nicht auf…

…und das macht der so lange, bis mir die Kräfte schwinden und die Kurbelwelle polternd zu Boden fällt, echt schwer das Teil…

Entkräftet frage ich, was der ganze Mist denn nun in Euronen für mich bedeutet. Dragan zeigt sein zerknittertestes Schraubergesicht und sagt, das Ganze hätte er ja mit verbockt, weil ihm auf der Probefahrt nix aufgefallen wäre und deswegen wäre sein Vorschlag folgender: Wir teilen uns die Materialkosten und die Arbeitskosten gehen auf ihn…

Entgeistert starre ich Dragan an, sollte ich hier und heute tatsächlich der fünften ehrlichen Haut in meinem Leben begegnen?

Aber, watt solls, ne volle Motorrevision zu einem Drittel des normalen Preises, man muss auch mal Geschenke annehmen können…ich schlage ein…damit ist die Kiste jetzt wirklich ein Neuwagen…

Akt 6: Ende Porsche gut, alles gut!

3 Wochen später: Anruf Dragan, man könne kommen, es sei angerichtet…

Ben und ich ins Auto von einem Kumpel, der uns fährt und runter nach Määhdorf …

Da steht er, wie aus dem Katalog, fett grinsender Dragan neben dran. Der Kumpel, selbst 3maliger Porschebesitzer, kriegt nur noch raus: ‚Was, zur Hölle, ist das …‘, der Rest sind zusammenhanglose Phrasen mit mega, wie geil, alles neu, super Farbkombi, etc…

Dragan lässt die Kiste an: die SSI’s und der 70er Topf stoppen den Wortschwall des Kumpels. Ehrfürchtiges Schweigen, alle lauschen: Genau so soll sich ein Auto anhören…

Ben: Papa, das kommt besser als dein Klappenauspuff am F-Type…

Du kleiner Nutzlosiker hast leider recht, denke ich mir…

Übergabefahrt, ich sach alles gut, Dragan sagt natürlich ist nicht alles gut, der zieht noch leicht nach links, außerdem hätt er dies und das nicht geschafft, weil ich ihm so einen Druck gemacht hätte, aber das würde er halt dann erledigen, wenn die Kiste nach dem Einfahren von ihm scharf gemacht werden würde…

Was versteht dieser Mensch von Druck, doch nicht etwa meinen täglichen freundlichen Anruf in den letzten drei Wochen, was denn der liebe Herr Dragan heute alles geschafft hätte oder ob er nicht einfach eine Webcam in der Werkstatt installieren wolle, damit ich zugucken könne?

Egal, Papierkram: Kaufvertrag, Restzahlung, TÜV mit Eintragungen, H-Zulassung, Wertgutachten…

GIB DIE SCHLÜSSEL ENDLICH HER, DRAGAN!!!

Haste gedacht, jetzt kommt erst mal die Einweisung: 

Dragan: Tankrüssel hält man so, runterschalten tut man so, das macht man so und zu guter Letzt noch ein entscheidender Tip…

Ich (denke): …nein, Dragan, tu das jetzt nicht, ich habe geschworen, wer es noch mal zu mir sagt, liegt Sekunden später in seinem Blut…

Dragan: …die sind eigentlich gutmütig, aber eines sollte man auf keinen Fall machen…

Ich (denke): Tu es nicht Dragan, hör auf, bitte, ich hab’s geschworen (Hinter meinem Rücken greife ich in den Werkstattwagen, Stecknüsse, na gut, wenn es damit sein muss…)

Dragan: …nämlich in den Kurven, da sollte man auf gar keinen Fall…

Ich (denke): ARRGH, es tut mir so leid für dich, Dragan…

Dragan: …also auf gar keinen Fall gar nicht bremsen, denn dann fliegen sie ab und du bist dran!

Ich: Äh, BREMSEN??? Sagtest du gerade bremsen? Du meinst doch sicher NICHT VOM GAS GEHEN, oder?

Dragan: Nein, ich sagte bremsen und ich meine auch bremsen…

(Klackernd fallen die Stecknüsse auf den Werkstattboden und rollen lustig davon…bei Gott, Dragan, du weißt gar nicht, wie nah du deinem Schöpfer eben warst…)

SCHLÜSSEL JETZT HER SONST KNALLTS!

Letzter Blick von Dragan auf die Kiste: Einer der Besten, die ich je aus Amiland zurückgeholt habe, perfekte Spaltmaße, kein Rost, bla, bla, bla…

Den Rest hören wir nicht mehr, Ben beißt ihm in den Arm, der Schlüssel fällt in meine ausgestreckten Hände, wir hijacken die Karre und brausen fauchend und blubbernd aus der Werkstatt in die Abendsonne…

…UND DAS IST ENDLICH MEIN PORSCHE, ICH LIEBE IHN!

(Vorhang)

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